Nationalpark und Biosphärenreservat – die Chance für die Rhön

Bayern möchte seinen Einwohnern ein Geschenk machen: Der Freistaat soll einen dritten Nationalpark bekommen. Die bestehenden im Bayerischen Wald und im Berchtesgadener Land sind sehr nadelholzlastig; der dritte soll daher ein Laubholzgebiet werden, vorzugsweise mit Rotbuche. Für diese Baumart ist Mitteleuropa das Hauptverbreitungsgebiet, wir haben hier für die Rotbuchenwälder also auch eine besondere Verantwortung. Unterfranken hat mit seiner Waldzusammensetzung beste Aussichten, diesen dritten Nationalpark zu erhalten, die Rhön und der Spessart sind im Gespräch.

1. Ist die bayerische Rhön eine Option?

Die Flächenkulisse reicht aus!
Voraussetzung ist natürlich, dass die Fläche, die möglichst zusammenhängend in den prozessgeschützten Nationalpark eingebracht wird, eine gewisse Mindestgröße, nämlich 10000 ha besitzt. Auch diese Hürde überspringt die Rhön mit Leichtigkeit: ca. 7500 ha in Klauswald und Salzforst, 3500 ha um das Sinntal abwärts – nur Flächen der Staatsforsten – würden bereits genügen.

Eine einheitliche Fläche ist allergings nicht zwingend: Es gibt auch andere Nationalparks, z.B. im Schwarzwald, die aus zwei Teilflächen bestehen. Dies kann ein Vorteil sein, wenn man berücksichtigt, dass ein Nationalpark nicht nur Wald enthalten muss.

Die Rhön ist ein altes Buchenland („Buchonia“) mit einer Vielfalt an Waldgesellschaften
Die Rhön besitzt einen erheblichen Anteil an naturnahen Rotbuchenwäldern und anderen Laubwaldtypen, die damit verzahnt sind. Aus Gründen der Geologie und Topographie gibt es hier eine Vielfalt, die bundesweit ihresgleichen sucht.

Bilder von Ingo Queck

Besonders Hanglagen tragen eine große Anzahl naturnaher Waldbestände. Drei Naturwaldreservate – der Lösershag, der Kalkbuchenwald und die Platzer Kuppe – lassen sich in die Gebietskulisse integrieren. 
Die Topographie sorgt für eine attraktive, abwechslungsreiche Landschaft, der Untergrund für vielfältige Standorte. Daraus lässt sich eine besondere Tourismuswürdigkeit der Rhön ableiten, wie sie durch die vielen Besucher auch bereits belegt ist. Wegen der Vielfalt der Waldgesellschaften hätte ein Nationalpark auch einen hohen naturpädagogischen Wert.

Ausschnitt der südlichen Rhön aus der Karte der „Potentiellen natürlichen Vegetation Bayerns“, 1: 500000, Landesamt für Umwelt; Brauntöne charakterisieren Buchenwaldtypen auf eher sauren, basenarmen Böden, hier auf Buntsandstein. Blautöne zeigen Buchenwaldtypen auf basenreichen Standorten auf Muschelkalk und Basalt, hier auch immer verbunden mit rauerem Klima in den Höhenlagen; letztere kommen in Bayern so nur in der Rhön vor.
Eine Spezialität der Rhön sind Laubwälder mit einer sehr artenreichen Krautschicht auf basenreichen Böden in montanem Klima, also größerer Meereshöhe; Zwiebelzahnwurz-Buchenwald
Charakterpflanze solcher Wälder ist die Zwiebelzahnwurz (Cardamine bulbifera); Zwiebelzahnwurz-Buchenwälder findet man in Bayern nur in der Rhön
Strukturreicher Bestand tief beasteter Altbuchen, bereits in der Zerfallsphase in den schwarzen Bergen; am ehesten den Waldgersten-Buchenwäldern zuzuordnen
Ahornreicher Buchenwald am Galgenfirst; das wilde Silberblatt (Lunaria rediviva) belegt den Schluchtwaldcharakter: ein frischer, skelettreicher Boden (hier auf Muschelkalk) in luftfeuchter Lage.
Zu kleinflächig für die Bayern-Karte, aber typisch: Waldfreie Blockhalde am Lösershag, umgeben von Eschen-Bergahorn-Blockwald

2. Wir haben doch schon ein Biosphärenreservat!

Die Welt verändert sich. Noch ist es nicht lange her, dass die Erweiterung des Biosphärenreservats fast an der Suche nach Kernzonen gescheitert wäre. Damals konnten viele Menschen, auch die Verantwortlichen in den Gemeindeparlamenten nicht so klar abschätzen, was das für Veränderungen bedeuten würde. Deshalb waren auch die meisten Gemeinden und Städte nicht bereit, Flächen für die Kernzonen zur Verfügung zu stellen. "Was haben wir davon?" fragten sie damals. Aber wenn wir jetzt zurückblicken, haben wir, hat irgendjemand dabei verloren? Gewonnen hat die Region, weil das Biosphärenreservat mit seinen Zielen in eine Zukunft mit Perspektiven weist. Die Schutzwirkung der Kernzonen z. B. war bei der Diskussion um den SuedLink sehr willkommen; der Hochrhöner mit seinen Abzweigen ist touristisch und damit auch wirtschaftlich interessant.

 

 

3. Was bringt ein Nationalpark der Region?

Und jetzt kommt mit dem Thema Nationalpark ganz plötzlich eine Gelegenheit, eine Entwicklung weiterzuführen, die mit dem Biosphärenreservat begann. Ein gewisse Erfahrung mit den Änderungen  haben die Rhöner ja, wenn sie Flächen für ein Konzept zur Verfügung stellen, das noch ganz andere Dimensionen als das Biosphärenreservat besitzt. Die Bayerische Umweltministerin hat überdies in ihrer Pressemitteilung mit Zahlen belegt, welche Auswirkungen ein Nationalpark auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Region hat:
Ein Nationalpark ist ein ökologisches Konjunkturprogramm allererster Güte. Er stärkt die Naturheimat Bayern, erhält die Artenvielfalt und treibt die wirtschaftliche, touristische und infrastrukturelle Gesamtentwicklung voran. Nationalparke sind eine Vitaminspritze für den Tourismus vor Ort."
Als Beispiel führt Umweltministerin Ulrike Scharf den Nationalpark Bayerischer Wald an: Dort werden pro Jahr rund 1,5 Millionen Besucher gezählt. Das bringt der Region eine Wertschöpfung von über 20 Millionen Euro jährlich.
Im Schwarzwald wurde ein ca. 10000 ha großer Nationalpark gegründet; dafür wurden rund 100 Mitarbeiter eingestellt, ein internationalen Standards entsprechendes Infozentrum für 20 Millionen Euro entsteht.

 

 

4. Wie könnte man sich den fertig eingerichteten Nationalpark vorstellen?

Ein Nationalpark bedeutet jedenfalls nicht, dass Besucher ausgesperrt werden. "Im Gegenteil: Das Naturerleben ist in Nationalparken ausdrücklich erwünscht. Denn Nationalparke dienen neben dem Schutz der Natur ausdrücklich auch der naturkundlichen Bildung und dem Naturerleben. Die Besucher sollen durch ein attraktives Angebot an Wegen, Informationen und Führungen an die Natur herangeführt werden. Sowohl für Einheimische als auch für Touristen bleibt das Gebiet grundsätzlich auch weiterhin zugänglich."
www.np3.bayern.de

Auch in prozessgeschützten Gebieten des Nationalparks darf man sich also frei bewegen, anders als z.B. in den Kernzonen des Biosphärenreservates. Auf 25 % der Fläche wären Pflegemaßnahmen möglich, man könnte also auch über Integration z. B. von Beweidungsmaßnahmen nachdenken, also Offenland einbeziehen und mit prozessgeschützten Flächen verzahnen.

 

 

 

 

5. Was würde den Bewohnern der Region ein Nationalpark kosten?

Wenig, für die Anrainer überwiegen positive Effekte: Die Einrichtung eines Nationalparks würde bereits ausschließlich mit Flächen gelingen, die sich im Eigentum der Staatsforsten oder des Bundesforsts befinden. Kein Privatmann, keine Kommune müsste dafür etwas hergeben. Die Holzversorgung kann man getrost als gesichert bezeichnen. Der Landkreis Bad Kissingen gehört mit 48 % Waldbedeckung zu den waldreichsten, die geforderte Fläche von 10000 ha würde einen zu verkraftenden Einschnitt bedeuten. Nur 7500 ha wären prozessgeschützt, 3500 ha sind im BR Rhön bereits aus der Holznutzung genommen.
In einem Nationalpark mit seinem touristischen Potential würde sich die Investition in die Kernzonen erst richtig auszahlen: Im ca. 240000 ha großen Biosphärenreservat Rhön wäre ein Nationalpark ein weiterer starker Anziehungspunkt; und dies in einem Bereich, der bisher eher weniger vom Rhöntourismus profitiert, als dies um die Wasserkuppe oder an der Langen Rhön der Fall ist.

WICHTIG: Die wertvollen Wiesengesellschaften der Rhön wären vom Prozessschutz nicht betroffen könnten also weiter gepflegt werden. Die Rhön würde nicht "zuwachsen".
Ein Nationalpark wäre eine wertvolle Ergänzung zum UNESCO-Biosphärenreservat Rhön. Im Berchtesgadener Land gibt es das schon, und es funktioniert gut; die unterschiedlichen Schutzstadien ergänzen sich und setzen dabei zusätzliches Entwicklungspotential frei.

 

 

6. Welche besonderen Pluspunkte bringt die Rhön mit?

Wie bereits gezeigt, müssen wir in der Rhön keine Angst vor einer Verarmung der biologischen Vielfalt haben, wenn der Mensch nicht mehr in den Wald eingreift. Die Vielfalt der Standortfaktoren garantiert auch die Vielfalt der Wälder. In der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ wird die Rhön bereits als Hotspot der Biodiversität geführt.

Nach über 25 Jahren als UNESCO-Biosphärenreservat ist auch bereits eine gut entwickelte touristische und ökologische Infrastruktur vorhanden, die nur anzupassen wäre. Vier Kurbäder in der näheren Umgebung würden damit entscheidend an Attraktivität gewinnen, denn ein Nationalpark ist auch mit einem erheblichen Zugewinn an Reputation verbunden.

 

 

7. Fazit

Wir geben vielleicht etwas, doch wir gewinnen viel mehr.
Während die Bedeutung des primären und sekundären Wirtschaftssektors auch bei uns zurückgeht, nimmt die Bedeutung von Dienstleistungen, Tourismus - und Naturerlebnis – zu. Daraus ergibt sich DIE Zukunftsperspektive für einen ländlichen Raum, in dem ansonsten Marginalisierungstendenzen vorherrschen.
Wir nutzen die vorhandenen Naturschätze, ohne sie auszubeuten, wir werden der Verantwortung als Verbreitungszentrum der Rotbuchenwälder gerecht. Wir stärken unsere Wirtschaft, gleichzeitig geben wir der Natur Raum, ihre eigenen Formen zu entwickeln.