Waschbären - niedliche Gefahr für die einheimische Tierwelt
55 Teilnehmer diskutierten in Rupboden über Auswirkungen, Artenschutz und Möglichkeiten der Bestandsregulierung
Der BN hatte zu einem Thema eingeladen, das Artenschützerinnen und Artenschützern seit Langem Sorgen bereitet: die Ausbreitung des Waschbären und seine Auswirkungen auf die heimische Tierwelt. Im Waldseminarhaus Lichtung 3 in Rupboden erläuterte der Zoologe Dr. Norbert Peter von der Goethe-Universität Frankfurt vor 55 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die ökologischen Folgen der Ausbreitung dieses nordamerikanischen Neubürgers. Unter den Gästen waren vor allem Jäger, Mitarbeiter der Jagdbehörde und im Naturschutz Engagierte. Im Anschluss an den Vortrag diskutierten sie gemeinsam über mögliche Lösungsansätze.
„Jäger sind Natur- und Artenschützer, das wird in der Öffentlichkeit oft vergessen. Und gerade im Umgang mit invasiven Arten, wie dem Waschbären, sind Jagdausübungsberechtigte das zentrale Element, die gesetzlichen Auflagen nach dem Bundesnaturschutzgesetz umzusetzen“, betont Dr. Norbert Peter.
Ein anpassungsfähiger Beutegreifer mit erheblichen Folgen
Mit seiner charakteristischen Gesichtszeichnung und seinen geschickten Pfoten wirkt der Waschbär auf viele Menschen niedlich. Er findet sich jedoch auch in unmittelbarer Nähe des Menschen zurecht und nutzt ein breites Nahrungsspektrum. Dazu gehören Vogeleier, Jungvögel, Amphibien, Kleinsäuger und leicht zugängliche Nahrungsquellen wie Katzenfutter und Speisereste. Gerade für Arten, die in ihrem Lebensraum nur begrenzte Ausweichmöglichkeiten haben, kann der Waschbär zum Problem werden. Besonders gefährdet sind lokal vorkommende Amphibienbestände und bestimmte Vogelarten, deren Gelege oder Jungtiere für den geschickten Kletterer leicht erreichbar sind. Als anpassungsfähiger, vielseitiger Beutegreifer kann er in geeigneten Lebensräumen einen erheblichen Prädationsdruck ausüben. „Das macht den Waschbär zu dem effektivsten Prädator für unsere heimische Fauna“, so Dr. Peter.
Bemerkenswert ist seine Fähigkeit, auch wehrhafte Amphibien zu überwältigen. So kann der Waschbär die giftigen Hautsekrete von Erdkröten und Feuersalamandern umgehen, indem er die Tiere gezielt von der Bauchseite aufbeißt und Teile ihres Körpers frisst. Dadurch sind auch Arten betroffen, die gegenüber vielen anderen heimischen Fressfeinden eigentlich gut geschützt sind.
Neben den ökologischen Auswirkungen thematisierte Peter mögliche gesundheitliche Risiken. Waschbären beherbergen zahlreiche Krankheitserreger und Parasiten. Zu den bekanntesten Parasiten zählt sicherlich der Waschbärspulwurm, der auch für Haustiere und Menschen zu einer Gefahr werden kann. Ob und in welchem Umfang dadurch andere Wildtiere oder Menschen gefährdet werden, hängt vom jeweiligen Erreger, den Übertragungswegen und den örtlichen Bedingungen ab. Eine sachliche Bewertung müsse deshalb auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhen und dürfe weder Risiken verharmlosen noch unbegründete Ängste schüren. Aus seiner eigenen Erfahrung heraus unterstrich Peter zudem die Bedeutung von Sorgfalt und Hygiene beim Umgang mit gefangenen oder erlegten Waschbären.
Vom Neubürger zum effektivsten Prädator der einheimischen Fauna
Der Waschbär stammt ursprünglich aus Nordamerika. In Deutschland geht seine etablierte Ausbreitung unter anderem auf ausgesetzte beziehungsweise entkommene Tiere zurück. Als wichtiger Ausgangspunkt gilt die Freisetzung von Waschbären im Jahr 1934 am Edersee in Nordhessen; weitere Tiere wurden später aus Pelztierhaltungen freigesetzt oder entkamen. „Seitdem hat sich die Art in Gesamtdeutschland ausgebreitet und ist mittlerweile in 26 europäischen Ländern, seit dem Jahr 2006 zudem auf der Baleareninsel Mallorca vorhanden, wobei der europäische Verbreitungsschwerpunkt klar in der Bundesrepublik Deutschland liegt.“, erklärt Peter.
Die Entwicklung zeigt, wie erfolgreich sich eine anpassungsfähige, gebietsfremde Art in einem Lebensraum mit geeigneten Nahrungsangeboten und zahlreichen Rückzugsmöglichkeiten etablieren kann. Eine hohe Reproduktionsrate, gepaart mit einer hohen klimatischen Toleranz fördert zudem die stetige Ausbreitung der Art. In Mitteleuropa fehlt dem Waschbären zudem natürliche Feinde, die seine Bestände flächendeckend regulieren könnten.
Was hilft dem Artenschutz?
Für Dr. Norbert Peter, der an der Goethe-Universität Frankfurt das Forschungsprojekt ZOWIAC – „Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Karnivora“ – leitet, ist eine wissenschaftlich fundierte Diskussion und eine behördliche, operative Kontrollinstanz entscheidend. Behauptungen über die Wirkung von Bekämpfungsmaßnahmen müssten anhand überprüfbarer Daten bewertet werden.
So widersprach er der in der Öffentlichkeit und in den Medien verbreiteten Aussage, dass der Abschuss von Waschbären grundsätzlich zu einer höheren Fruchtbarkeit der verbleibenden Tiere führe. „Hierzu gibt es keinerlei wissenschaftlichen Belege, der Umstand, dass man auch journalistisch offensichtliche falsche Informationen wiederholt, belege nur die einseitige Berichterstattung und lasse diese Behauptungen auch nicht wahr werden.“ so Peter. Ob sich Eingriffe auf Bestandsentwicklung und Fortpflanzung auswirken, muss differenziert betrachtet werden. Entscheidend ist, welche Maßnahme, in welcher Gebietsgröße, mit welcher Intensität durchgeführt wird und ob sich dadurch der Prädationsdruck auf gefährdete Arten tatsächlich verringert.
Die Fangjagd ist aktuell das Mittel zur Wahl um Waschbärpopulationen gezielt zu regulieren. Sie erfordert allerdings Sachkunde, geeignete, tierschutzkonforme Fallen, regelmäßige Kontrollen und einen tierschutzgerechten Umgang mit den gefangenen Tieren. Ergänzend ist es wichtig, Nahrungsquellen zu reduzieren: Offene Abfälle, zugängliche Kompoststellen und frei verfügbares Tierfutter können Waschbären in Siedlungen anlocken und ihre Bestände lokal begünstigen.
„Bad Kissingen ist ein Hotspot beim Vorkommen des Waschbären im Landkreis, und der Waschbär ist ein Riesenproblem“, erklärte Peter Donislreiter von der Unteren Jagdbehörde. Gemeinsam mit den Kommunen versuche man deshalb, ein Fütterungsverbot auf den Weg zu bringen. Denn immer wieder werden Waschbären aus falsch verstandener Tierliebe absichtlich gefüttert, beispielsweise mit Katzenfutter. Solche Fütterungen können die Tiere an den Menschen gewöhnen und zusätzliche Konflikte fördern.
Auch die Sterilisation wurde als mögliche Maßnahme diskutiert. Um die Fortpflanzung einer Population wirksam zu beeinflussen, müsste dabei aber mindestens 40% der Tiere sterilisiert werden, um eine lokale Wirkung zu erzielen. Zugleich blieben sterilisierte Tiere weiterhin als Beutegreifer aktiv. Peter sieht dieses Vorgehen unter Arrtenschutzgründen daher als wenig zielführend an.
Wer ist zuständig für die Bejagung des Waschbären?
Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung waren die Zuständigkeiten bei der Waschbärregulierung. Peter erläuterte die Zusammenhänge zwischen Jagdrecht, Naturschutz und Tierschutz. „Ganz klar liegt nach Naturschutzgesetz die operative Zuständigkeit bei den Landesbehörden. Private Jäger können, müssen sich aber nicht an der Umsetzung der Waschbärbejagung, gerade auch innerorts, beteiligen. Hier ist nach Peter die Politik gefordert, endlich die gesetzlich verankerten Maßnahmen umzusetzen. Beispielhaft könnten das eigene Stadtjäger sein, oder die finanzielle Förderung von Privatjägern, die sich in definierten Gebieten an der Bestandesregulierung von Waschbären beteiligen.“
Für das Aufstellen und Betreiben von Fallen gelten jagdrechtliche und tierschutzrechtliche Anforderungen. Die erforderlichen Berechtigungen und Sachkundequalifikationen müssen eingehalten werden. Ebenso darf die Tötung von Wildtieren nur durch hierzu berechtigte beziehungsweise sachkundige Personen und unter Beachtung der geltenden Vorschriften erfolgen.
Jochen Manke, Vorstandsmitglied der BN-Kreisgruppe sowie Jäger und Förster im Ruhestand, stellte die Frage, weshalb es keine verpflichtenden Abschussvorgaben für Waschbären gebe. Derzeit hängt die Intensität der Bejagung in der Praxis auch vom Engagement der jeweils Verantwortlichen ab, denn der Jäger ist nicht verpflichtet, Waschbären zu bejagen. Eine stärkere Abstimmung zwischen Jagdausübungsberechtigten, Behörden und Naturschutzakteuren könnte dazu beitragen, Maßnahmen gezielter auf besonders gefährdete Lebensräume auszurichten. Wie aufwendig diese Arbeit sein kann, schilderte Timo Spaniol, der als Schutzgebietsbetreuer im Staatsforst kontinuierlich 40 bis 60 Fallen betreut. Der erhebliche Zeitaufwand sei reine Dienstleistung für den Artenschutz. Dies müsse auch entsprechende entlohnt und gewürdigt werden.
Praktische Lösungen und weiterer Austausch
Neben der Diskussion über Regulierung und Zuständigkeiten konnten sich die Besucher über waschbärensichere Vogelnistkästen, Fangsysteme und weiteres Anschauungsmaterial informieren. Solche Schutzmaßnahmen können insbesondere dort helfen, wo empfindliche Vogelarten brüten und Nistplätze für Waschbären gut erreichbar sind.
Die sachliche und konstruktive Diskussion machte deutlich, wie viel Fachwissen unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorhanden ist und wie groß das Interesse an einem dauerhaften Austausch bleibt. Elisabeth Assmann von der Geschäftsstelle des BN in Bad Kissingen griff diesen Wunsch auf und kündigte an, das Thema weiterzuverfolgen. Öffentlichkeitsarbeit und der Austausch zwischen den betroffenen Gruppen sollen intensiviert werden.
Der Schutz der heimischen Vogelwelt und der Amphibien wird die Naturschutzarbeit in der Region daher weiterhin beschäftigen. Eine weitere Veranstaltung, etwa zum Thema waschbärensichere Nistkästen, ist denkbar. Aber vorallem der Kontakt zu JägerInnen wird intensiv bleiben, denn Wiesenbrüter und Amphibien können auf Dauer nur durch Eindämmen des Waschbären - als wichtiger Baustein des Artenschutzes - nachhaltig geschützt werden.
Zusatzinfo:
• Wissenswertes zum Thema invasive Tierarten:
Wildtierforschungsprojekt ZOWIAC der Goethe-Univesität Frankfurt:
• Hinweis: zum Thema Waschbär gibt es einen Beitrag im BR Sendung Unkraut, in der Mediathek https://www.ardmediathek.de/video/unkraut/invasive-arten-zerstoerer-oder-Mitbewohner/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNVdPMDIxMzMxQTA
und einen Podcast
• https://www.br.de/radio/bayern2/podcasts/radioreportage/mission-artenvielfalt-die-hartnaeckigen-waschbaeren-3v6-102.html










